Berlin Gesture Center | Ringvorlesung „Körperbewegungen – ihre Analyse und Notation“

 

Vortrag von Cornelia Müller:

Der segmentierte Körper: Notation und Analyse als Perspektivierung | The segmented body: notation and analysis as perspective taking

Mittwoch, 9. November 2005, 18 Uhr, Franklinstr. 28-29 (Raum FR 3533), 10587 Berlin


Körperbewegungen sind zeitlich, räumlich, medial hochstrukturiert und werden durch Komplexitätsreduktion zu bedeutungsvollen Ereignissen. Dies gilt für alltagsweltliche Verstehensprozesse ebenso wie für die wissenschaftliche Analyse. Das Interesse an der Analyse von Körperbewegungen hat in den Geistes- und Naturwissenschaften in den vergangenen Jahren stark zugenommen, nicht zuletzt aufgrund der breiten Verfügbarkeit neuer Technologien der visuellen Fixierung von Körperbewegungen in Bild und Ton. Eine Methodenreflexion hat bislang kaum stattgefunden, die videographisch dokumentierte Bewegung scheint für sich zu sprechen und die Analyse von Körperbewegungen wird leicht als unproblematisch angesehen: „Man sieht doch, dass X nervös ist." Oder „Diese Geste ist metaphorisch und bedeutet Depressivität." Im Vortrag wird es darum gehen, diese scheinbare Augenfälligkeit von Bedeutung zu hinterfragen und zu verdeutlichen, daß Notation und Analyse von Körperbewegungen hochgradig interpretativ sind und dass die Bedeutungszuschreibung bereits mit der Auswahl des Videoausschnitts beginnt. Im Zentrum des Vortrags werden Dokumentation und Reflexion verschiedener Verfahren der Notation und Analyse von Körperbewegungen stehen, die sich in den vergangen Jahren in der Gestenforschung, der kognitiven Psychologie und Linguistik, der Ethnographie und Anthropologie herausgebildet haben. Am konkreten Beispiel wird der meist unreflektierte und oft unbemerkte Einfluss von Notationsverfahren auf Gegenstände, Fragen und Ergebnisse von Analysen illustriert und kritisch hinterfragt.